Chopin Biographie, Werke, Bilder, Portraits, Zitate
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Die Bedeutung von Chopin in der Musik

Chopin in der Musiker-Hierachie

Die Schönheit der musikalischen Werke Chopins ist außergewöhnlich, ein einzigartiges Phänomen in der Geschichte der Musik, sie grenzt – so möchte man fast sagen – an ein Wunder. Da dieses Gefühl jedoch in Widerspruch zu den traditionellen verbindlichen Konzepten musikalischer Größe steht, wurde die spontane Begeisterung und Bewunderung für die Musik Chopins immer wieder hartnäckig hinterfragt: Was soll das für ein Genie sein, das (fast) ausschließlich für Klavier komponierte, obendrein Miniaturen, Tänze und poetische Fantasien anstatt Dutzender von Sinfonien, Opern, Oratororien oder Messen?

Solche , natürlich sehr konservative Einwände haben sich bis heute gehalten. Arthur Hedley schrieb in seinem nach dem Kriege erschienenen Buch über Chopin:

"Er nimmt nicht den höchsten Rang in der Musikerhierarchie ein – das würde niemand behaupten wollen – doch ihm widerfuhr etwas, was nur wenigen zuteil wurde: er ist einzigartig und überragt alle anderen in seinem eigenen, exklusiven Bereich."

Wenn dem so ist (möchte man fragen), was ist das dann für eine eigenartige Hierarchie? Als weiteres Beispiel dieser Geisteshaltung sei die vor einigen Jahren erschienene, zweibändige "Geschichte der Musik" ("Historia muzyki") von Jozef und Krystyna Chominski erwähnt, in der Chopin noch nicht einmal ein eigenes Kapitel gewidmet wurde, wie es Haydn, Mozart, Beethoven und natürlich Händel und Bach erhielten. Sobald man sich jedoch von diesem überholten Geniebegriff löst, der sich mit der deutschen Klassik des 18. und 19. Jahrhunderts verbindet, erblickt man in Chopin einen der größten Künstler aller Zeiten, dem eben jener "höchste Rang" ohne jeden Zweifel gebührt – nicht nur aufgrund der verblüffenden Schönheit seiner Werke, sondern auch wegen ihrer besonderen geschichtlichen Bedeutung.

Es stimmt, dass Chopin sich auf Klavierwerke konzentrierte, er war jedoch der Erste, der sich so etwas erlauben konnte: er machte das Klavier zu einem Instrument von ungeahnten Möglichkeiten des Ausdrucks. Er entlockte ihm eine neuartige und reichhaltige Klangwelt, von der niemand zuvor auch nur zu träumen gewagt hätte und er schuf in eben jener Welt eine Legion von Meisterwerken, die jede Sinfonie verblassen lassen. Indem er scheinbar den Funktionsumfang seines Instrumentes einschränkte, lenkte er die Aufmerksamkeit in bisher nie da gewesener Weise, auf ein musikalisches Element, dem fortan bis ins 20. Jahrhundert eine so außerordentlich große Bedeutung zukommen sollte: dem Klang. Seit Chopin fällt es schwer, sich Musik als ein abstraktes Gebilde vorzustellen, das von den Instrumenten lediglich "wiedergegeben" wird. Sie ist wesentlich stärker mit der materiellen Seite des Klangs verwachsen, der Klangfarbe, dem Register, der sinnlichen Qualität der Töne und der Art ihrer Entstehung.

Der Chopinsche Klang

Der neuartige und bahnbrechende Klang der Musik Chopins beruht jedoch nicht nur auf dem besonderen Umgang mit seinem Instrument, der beeindruckenden Technik seines Klavierspiels, sondern auf ihrer Klangsprache selbst - der Chopinschen Harmonik. Es genügt, sich die ersten Takte der Etüde op.10 Nr.3 in E-Dur anzuhören, um sich das Ausmaß der Veränderung in der Harmonik zu vergegenwärtigen: diese Musik hat nichts mehr mit den Harmonien eines Beethoven oder Schubert zu tun. Die Chopinschen Akkorde sind mehr als nur ein System von tonalen Spannungen und melodischen Auflösungen, sie begeistern durch ihren individuellen, farbigen Klang.

Chopin entdeckte die Schönheit, den eigentümlichen sinnlichen Zauber der Dissonanz, die bis dahin lediglich als Spannungsklang verwendet wurde. Diese Entdeckung sollte weit reichende Folgen haben. Sie inspirierte den Impressionismus Debussys, der sein Verständnis der Harmonien als Klangfarben eindeutig aus den Werken Chopins entwickelte, aber auch die radikaleren Veränderungen der Klangsprache im 20. Jahrhundert. In den Werken Chopins finden sich neben den samtweichen, betörenden Dissonanzen auch strenge, durchdringende - wie im Prélude op.28 Nr.2 in a-moll, zahlreichen Mazurken, angefangen von den ersten veröffentlichten Op. 6 und 7 (der außergewöhnliche Mittelteil der ;Mazurka B-Dur op.7!), die Etüde e-moll op.25, oder auch die Schauder erregenden Höhepunkte gegen Ende der ersten beiden Scherzi.

Das Werk Chopins ist aus vielerlei Gründen ein Meilenstein der Musikgeschichte. Aus der nicht selten überbordenden Chromatik Chopins erwuchs Richard Wagner (Tristan und Isolde); seine ungewöhnlichen Modulationen, seine verblüffenden Tonartwechsel inmitten von Phrasen, (genannt sei nur der Einleitungsteil der Fantasie f-moll op.49) missachten sämtliche Regeln der damals gültigen Harmonielehre. Die neuartigen Tonleitern seiner Mazurken (oder auch anderer Werken, wie der Etüde f-moll op.10, der Nocturne g-moll op.15 und der Nocturne H-Dur op.62) durchbrechen die starre Normativität des Dur-Moll-Systems und öffnen den Blick auf andere, umfangreichere Klangwelten. Auch hinsichtlich des Ausdrucks, der Phrasierung und des kompositorischen Aufbaus scheint es, als habe Chopin die Musik der letzten dreihundert Jahre in zwei unterschiedliche Abschnitte unterteilt: mit der späten Romantik ändert sich der Charakter der Kompositionen grundlegend. Sie stürzen sich in neue, aufregende Abenteuer, dringen in fremde, ungewöhnliche Schichten des Ausdrucks vor und diese Veränderung wird am deutlichsten sichtbar im Schaffen des Autors der Balladen und Scherzi, der Sonate b-moll und der Großen Fantasie über polnischen Weisen

Die Bedeutung der Werke Chopins für die Musikgeschichte erscheint jedoch lediglich als Nebeneffekt verglichen mit ihren werkimmanenten Qualitäten, dem ungeheuren melodischen und harmonischen Einfallsreichtum, dem eigenen, besonderen Stil. Die Originalität der Chopinschen Poetik traf seine Zeitgenossen wie ein Blitz, sie war etwas völlig Neues: nie zuvor hatte ein Komponist sich durch einen solch individuellen, persönlichen Stil ausgezeichnet. Dieser Eindruck ist bis heute geblieben. Wir erkennen die Musik Chopins, wie kaum eine andere, bereits nach wenigen Tönen und Akkorden. Man kann Streifzüge durch die Musikgeschichte unternehmen und alle möglichen Verbindungen herstellen, Analogien und Verwandtschaften sogar zwischen Komponisten weit auseinander liegender Epochen suchen. Eine Analogie zu Chopin werden wir nicht finden, es gibt keinen anderen Komponisten mit einer vergleichbaren Persönlichkeit und einem vergleichbaren Schönheitsempfinden. Hinsichtlich der Außergewöhnlichkeit seines Genies gehört Chopins zweifellos zu den größten Künstlern in der Geschichte der europäischen Kultur wie Shakespeare, Dante, Michelangelo oder Rembrandt.

Beherrschung der Kompositionsreglen

Individualität - dieses wohl wichtigste Merkmal künstlerischer Größe - geht bei Chopin mit meisterhafter Beherrschung der Kompositionsregeln einher. Er war ein herausragender Improvisator mit einer außergewöhnlichen schöpferischen Fantasie, doch wenn er komponierte verließ er sich nicht allein auf sein Talent, sondern legte ebenso großen Wert auf die Logik seiner Komposition und verbesserte sie sorgfältig bis ins kleinste Detail. Hierdurch verbindet sich die Schönheit seiner musikalischen Ideen immer auch mit einer formalen Perfektion, die den größten Meistern der Form in nichts nachsteht. Am deutlichsten wird dies in seinen Etüden und Préludes, doch es trifft auf alle seine Kompositionen zu. Wir lassen uns gerne von ihrer pianistischen Brillanz mitreißen, doch wenn wir sie uns näher anschauen, wenn wir ihre virtuosen Klangfiguren langsam nachspielen, entdecken wir die musikalische Vollkommenheit ihres Aufbaus, die logische Stringenz jeder einzelnen Note, die Wichtigkeit jedes einzelnen Tonschrittes - ähnlich wie in den Werken Bachs.

Chopin ist zudem ein Meister der Abwandlung musikalischer Motive und Themen, so wie Beethoven, dessen thematische Arbeit in seinen Sonaten und Sinfonien für gewöhnlich als Musterbeispiel einfallsreicher Durchführung genannt wird. Von nicht geringerer Fantasie und Kunst sind die Sonaten Chopins (einschließlich der Sonate für Klavier & Chello), die Variation im Allegro der Sonate b-moll ist eine der großartigsten, mitreißendsten und dramatischsten in der Geschichte dieses Genres. Auch in anderen Werken finden sich Abschnitte mit herausragenden Variationen, wie in den Balladen (vor allem in der Ballade Nr.3 As-Dur), aber auch in den kleineren Formen, wie der "polyphonen" Mazurka cis-moll op.50. Neben der Abwandlung und Entwicklung von Motiven variiert Chopin mit Vorliebe auch ganze musikalische Themen, nicht selten mit extremen Veränderungen des Klangs und des Ausdrucks der zu Beginn vorgestellten Melodie. So zum Beispiel in der Ballade g-moll, in der die beiden Hauptthemen mehrfach in verblüffend unterschiedlicher Gestalt wiederholt werden, ohne überhaupt wieder zu ihrer ursprünglichen Form zurückzukehren. Gerade in seinen Balladen schuf Chopin auf verblüffende Art und Weise eine neue Form, die sich vom klassischen Muster unterschied: der Verlauf des Stückes mit all seinen thematischen Variationen bildet eine Art emotionale Handlung, wie in einem Drama oder einem Poem, lediglich ohne Worte. In dieser Handlung gibt es keine Rückkehr zum Ausgangszustand, wie in der klassischen Reprise, sondern sie verläuft progressiv, bis zum Finale. Chopin stellt so – mit rein musikalischen Mitteln – dem klassischen Ideal architektonischer Symmetrie (des Typs A B A) das romantische Modell einer poetischen "Geschichte" entgegen.

Eine solche musikalische Geschichte mit erkennbarer emotionaler Handlung, erzählt Chopin nicht nur in seinen Balladen, sondern auch in vielen anderen Werken, wie in der großen Fantasie über polnische Weisen, der Barcarolle, dem Impromtu Fis-Dur, der Nocturne Des-Dur op.27 und der Nocturne c-moll op.48, oder auch in einigen Mazurken mit lyrischen Merkmalen. Auch die Sonaten Chopins - in ihrer Gesamtheit - erzählen eine solche Geschichte.

Gefühle und Stimmungen

Die beeindruckende Vielfalt der Gefühle und Stimmungen sowie ihre zahlreichen Wandlungen stellen eine weitere Qualität der Chopinschen Musik dar, die sie deutlich von anderen musikalischen Stilen abhebt. Viele andere große Komponisten der Romantik (und früherer Epochen) erscheinen im Vergleich mit Chopin um vieles gleichförmiger und eingeschränkter in ihren Ausdrucksformen. Chopins differenzierte Darstellung von Gefühlen schafft ein Panorama, dass man kaum gedanklich zu fassen vermag. Ein außergewöhnliches Phänomen diesbezüglich ist der Zyklus der 24 Préludes op.28, ein feinfühliges Kompendium der menschlichen Seele und ihrer heimlichsten Regungen. Die Vielfalt an Stimmungen und emotionalen Zuständen wird sogar in einer musikalischen Gattung wie der Nocturne, die scheinbar per se mit einem bestimmten Gefühlszustand verbunden ist, sichtbar. Im Grunde beschreibt jede der zwanzig Nocturnes Chopins eine andere Stimmung, ganz zu schweigen von den Wandlungen und Entwicklungen innerhalb der Stücke selbst.

Der Stil Chopins bordet über vor Gefühlen und ihren zartesten Nuancen, doch er lässt darüber hinaus noch Raum für individuelle Empfindungen, interpretative Freiheiten in der Betonung bestimmter kompositorischer Merkmale. Der Komponist selbst ließ verschiedene feine Unterschiede im Vortrag seiner Werke zu und konnte sich sogar für die Interpretation seiner Etüden durch Liszt begeistern, obwohl dieser sie ganz anders als er selbst spielte. Solche Freiheiten haben selbstverständliche ihre Grenzen, denn immer besteht auch die Gefahr der Verflachung, der Nivellierung der qualitativen Merkmale eines Werkes, oder sogar der Verfälschung durch den Pianisten.

Die Bandbreite der Gedanken und emotionalen Zustände in der Musik Chopins scheint fast unbegrenzt. Am frühesten und einfachsten eroberte sie die Herzen ihrer Zuhörer mit ihrer Lyrik und Melodik. Der Zauber dieser eingängigen, lyrischen Melodien ist absolut einzigartig, angefangen mit dem frühen Klavierkonzert f-moll und der Nocturne Es-Dur op.9 über die subtile Kantilenenmelodik des "späten" Chopin in der Sonate h-moll bis zu seinem letzten Walzer cis-moll. Doch die "weiche" Lyrik Chopins hat viele unterschiedliche Nuancen. Besonders hervorzuheben sind aufgrund ihrer Neuartigkeit und ihrer Gewagtheit jene Werke die eigenartige, traumartige Gemütsverfassungen evozieren oder an meditative Trancezustände denken lassen.

Ihre Musik ist bewusst statisch und monoton gehalten, sie kontempliert über einen bestimmten Klang oder Akkord und versetzt uns scheinbar in neue Dimensionen und Gefühlszustände. Zum ersten Mal verwendete Chopin dieses Ausdrucksmittel gegen Ende der Introduktion seiner Variationen über ein Thema aus Mozart's Don Giovanni B-Dur op.2. Später erscheint es unter anderem in den wunderschönen Schlussteilen der Nocturne Fis-Dur op.15, der Nocturne Des-Dur op.27 und der Nocturne H-Dur op.62, vor allem aber im Andante Spianato und der Großen Polonaise Es-Dur, sowie in der Berceuse.

Doch Chopin, das sind auch - am anderen Ende der Skala - tosende Stürme wie in der Ballade F-Dur, der Etüde c-moll op.10 (der "Revolutionsetüde"), der Etüde a-moll und der Etüde c-moll des Opus. 25, sowie im Prélude d-moll. Das ist auch Humor, Witz, Ironie und Sarkasmus, die vor allem in den frühen Rondos, im Krakowiak, den Ecossaisen, den Schlusssätzen seiner beiden Konzerte, in der Etüde Ges-Dur op.10 und der Etüde e-moll op.25, im Prélude G-Dur und in sehr vielen Mazurken. Chopins Stil ist auch zur intellektuellen, philosophischen Reflexion fähig, wie im Prélude cis-moll op.45 oder im großen, mittleren Zwischenspiel des 3. Satzes der Sonate h-moll. Und schließlich zur Emanation großer Vitalität, Kraft und Optimismus, wie im Finale der gleichen Sonate, in der Etüde C-Dur, der Etüde cis-moll und der Etüde F-Dur des Opus. 10 oder auch in der Polonaise As-Dur op.53.

Wenn man von den Gefühlen spricht, die Chopins Musik durchdringen, muss man auch jene erwähnen, die aus seiner Emigration und dem Gedanken an das Schicksal Polens erwuchsen. Sie werden keineswegs nur im nationalen Stil seiner Mazurken und Polonaisen sichtbar, sondern reichen um einiges tiefer. Die selben patriotischen Gefühle, denen Chopin in seinen Briefen und persönlichen Notizen freien Lauf ließ, haben tiefe Spuren in seiner Musik hinterlassen. Doch sie zu erkennen und zu empfinden erfordert Intuition und Sensibilität – sowohl vom Pianisten als auch von den Zuhörern.

Quellenangaben

Tadeusz Andrzej Zielinski: "Fryderyk Chopin - Facetten eines Genies", aus: "Studio" 1995, Nr. 5

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