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Chopins Polonaisen

Beschreibung der ersten 2 Polonaisen (g-moll, B-Dur)

Die 1829 komponierte Polonaise f-moll (op.71, Nr.3) unterscheidet sich auffallend von den beiden vorangegangenen Polonaisen d-moll und B-Dur, und zwar sowohl in ihrem Stil aus auch in Ausdruck und Formbau. Die für den style brilliant typische Eleganz und die reiche Ornamentik wurden hier entschieden reduziert zugunsten eines konzentrierteren und tieferen melodischen Ausdrucks. Das betrifft vor allem den ersten und eindeutig schönsten Satz der Polonaise, der schon ganz offensichtlich der Romantik zugehört. Die kurze akkordischen Einleitung schafft eine Stimmung bewegenden Ernstes, wie sie auch manchen lapidaren Phrasen Schuberts eigen ist. Das darauf folgende melancholische Thema zeichnet sich durch eine eigenartig unruhige rhythmische und motivische Struktur aus: Zunächst ein phantasievoller Beginn, ein Augenblick einfachen Gesanges, dann eine plötzliche Verdichtung der Bewegung in der Kadenz zum Abschluss der Phrase. Gleichsam ist die Harmonik völlig unschematisch.

Weit entfernt von der traditionellen Glätte und Regularität, mit einer bis dahin ungekannten Ausdruckskraft gestaltet, entfaltet sich das Thema der Polonaise in einer noch unkonventionelleren Form. Chopin verzichtet hier auf den klassischen periodischen Bau, den er in den beiden vorangegangenen Polonaisen beibehalten hatte: Dem viertaktigen Vordersatz, der im übrigen recht merkwürdig endet, folgt in dieser Polonaise kein komplementärer Nachsatz. Satt dessen entwickelt sich ein langer, von starkem Ausdruck getragener musikalischer Gedanke, der 18 Takte hindurch, bis zur Schlusskadenz in Takt 26, keine Ruhe findet. Die unaufhörlich wogende Spannung wird jedoch nicht durch Komplexität von Harmonik und Modulationen erreicht, sondern durch die unruhige Anordnung der Motive, Phrasen und Rhythmen selbst: Alles scheint gleichsam einem sich immer weiter entfernten Ziel zuzustreben. Beachtenswert ist in diesem integral komponierten musikalischen Verlauf die Vielgestaltigkeit der emotionalen Schattierungen, bis hin zum bewundernswerten, unerwartet elegischen Abschluss.

Der sehr romantische Ton des Hauptsatzes der Polonaise, in f-moll, wird im weiteren Verlauf ein wenig zurückgenommen, und deutlich schwächer ist er im mittleren Trio (A-Dur), das Eliza Radziwill so sehr gefallen hatte. Recht oberflächlich im Ausdruck und recht einfach gebaut, fehlen diesem Trio die durchführungsartigen Momente der früheren Polonaisen: die Polonaisen d-moll und B-Dur hatten dem Mittelteil im Gegenteil eine besonders gewichtige Rolle zugewiesen.

Introduction et Polonaise brillante C-Dur für Violoncello und Klavier (op.3, J. Merck gewidmet) ist als Gelegenheitskomposition wenig repräsentativ für Chopins schöpferische Ambitionen und für die Probleme, die ihn zu jener Zeit beschäftigten. Der Komponist selbst war sich wohl dessen bewusst, denn über die in Antonin komponierte Polonaise vertraute er Tytus Woyciechowski an: „Nichts außer Blendwerk darin, für den Salon, für die Damen, - siehst Du, ich wollte, dass die Prinzessin Wanda es lernt.“

Die im Ausdruck einfach gehaltene, unbeschwerte und energische Polonaise besitzt eine ansprechende, aber doch eher banale Melodik im Geschmack zahlreicher Polonaisen, wie sie zu jener Zeit auch von anderen Komponisten geschrieben wurden. Sie hat eine einfache ABAC-Form (ist also gleichsam ein Rondo mit zwei Episoden), wenn auch innerhalb der ersten Teile Seitengedanken mit Modulationen auftreten. Das Violoncello wurde nur recht beschränkt und vor allem melodisch eingesetzt – lediglich in der Coda kommen virtuosere Sprünge mit Akkorden vor. Demgegenüber ist die Klavierstimme nur in der Exponierung der Themen schlicht, ansonsten entfaltet der Komponist reichhaltige und zuweilen sogar recht originelle Figuren, die dem Stil des jener Zeit komponierten Klavierkonzertes f-moll nahe stehen.

Zu der in Antonin komponierten Polonaise (Alla polacca, Allegro con Spirito) fügte Chopin einige Monate später eine Introduktion (Lento) hinzu, als er das Werk gemeinsam mit dem Cellisten Jozef Kaczynski aufführen wollte. Sie enthält eine lange verträumte Violoncello-Katilene und vereint die Charakteristika der Chopinschen Introduktion (vor allem der Variationen über „Là ci darem la mano“): Die Phantastik wechselhaftiger Arabesken, in der Mitte ein Moment dramatischer Unruhe und zum Schluss eine subtil zilesierte Kadenz des Klaviers.

Quellenangaben

(Textauszug aus "Chopin, Sein Leben, sein Werk, seine Zeit", Tadeusz A. Zielinski, ISBN 3-7857-0953-6)

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