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John Fields Einfluss auf Frédéric Chopin

Chopin, der John Field (geb. 1782) und Johann Nepomuk (geb. 1778) Hummel in Warschau spielen hörte, stand in gewisser Weise unter dem Einfluss dieser beiden so berühmten Komponisten. Man braucht jedoch nur die erste Warschauer Nocturne e-moll Chopins – die nach seinem Tode als Opus 72 herausgegeben wurde - mit Fields Nocturnes zu vergleichen, um festzustellen, wie banal sie erscheinen. Ebenso unvorteilhaft für die heute fast vergessenen Klavierkonzerte Hummels fiele der Vergleich mit den beiden Konzerten Chopins aus seiner Jugend aus, die immer wieder nicht nur aus Wertschätzung für ihren Schöpfer gespielt werden.

Es war kein Zufall, dass Chopin sich gerade zu dieser Zeit der Form des Nocturnes zuwandte. Immer stärker war seine Neigung zu lyrischen Kantilenen geworden, aber diese Neigung konnte sich nicht in den konzertanten Werken ausleben. Sie suchte ihren Ausdruck in intimerer, feinerer, stillerer Form, und das entsprach recht genau der von Field geschaffenen Form des Nocturnes. Der mit Nacht und Mond assoziierte Name erklärt sich aus der in der Musik zum Ausdruck kommenden intimen und träumerischen Stimmung dieser Stücke. Die bereits im ersten Viertel des 19. Jahrhunderts in Russland veröffentlichten sentimentalen Nocturnes des irischen Komponisten waren eine bisher unbekannte Attraktion im Bereich der Klaviermusik; sie wurden rasch sehr populär und fanden auch Nachahmer - so wurden in Polen Nocturnes von Szymanowska und später von Dobrzynski komponiert.

Der berühmte Ire John Field war einer der führenden Komponisten in der virtuosen Konvention des style brillant, doch zugleich initiierte er (in einigen Abschnitten seiner Konzerte, aber vor allem in den Nocturnes) mit seiner eigentümlich weichen, stimmungshaften und delikat poetisierten Musik einen neuen musikalischen Stil - er schuf ein Modell, das mit der Zeit zu einem der wesentlichsten Merkmale der neuen romantischen Epoche werden sollte.

Wenn Chopin auch die Mehrzahl seiner virtuosen Fähigkeiten sich selbst verdankt, so bedurfte es doch eines Pädagogen, der ihn in richtiger Handhabung, in Fingertechnik und Anschlag unterwies: Wojiech Zywny war sein Name. Frédéric beschrieb Woyciechowski seine erste Begegnung mit dem berühmten Pianisten Kalkbrenner:

"Ich spielte ihm mein e-moll, welches die Rheinländer Lindpaintner, Berg, Stünze, Schenk und ganz Bayern nicht genug loben konnten. Ich verblüffte Herrn Kalkbrenner, der sogleich die Frage an mich richtete, ob ich ein Schüler Fields sei, und sagte, dass ich Cramers Spiel und Fields Anschlag hätte. (Das erfreute mich in der Seele), um so mehr, als sich Kalkbrenner, der sich vor mir bevortun wollte, ans Klavier setzte, sich verspielte und aufhören musste! Doch wie er dann von neuem begann, das muss man gehört haben;"

Zwischen den Nocturnes der beiden Komponisten besteht eine enge Beziehung, aber auch der Stil der Fieldschen Konzerte und Rondos fand sein Echo im Stil Chopins. Dennoch fällt es nicht schwer, schon hier individuelle Züge wahrzunehmen.

Doch wenn man auf das Notenbild der Fieldschen Nocturnes einen Blick wirft, fällt die Ähnlichkeit mit den Nocturnes Chopins auf. Das Auseinanderziehen der Begleitung in breit angelegten Akkorden der linken Hand ist bei beiden Musikern sehr ähnlich. Aber wenn wir Fields Nocturnes hören, dann fehlen uns die bezaubernden Melodien, wie sie die Chopinschen Werke auszeichnen.

Es ist amüsant festzustellen, wie einige Fieldsche Einzelheiten durch Chopins Vermittlung in den Nocturnes von Fauré oder sogar in den Nocturnes Francis Poulence ihr fernes Echo gefunden haben. Und dass die Fieldschen Nocturnes die Keime des Chopinschen Schaffens in sich tragen, merken wir in einem von ihnen (in dem Nocturne G-Dur Nr.12), ganz am Schluss, so etwas wie die Ankündigung des Chopin-"Porträts" wieder finden, das Schumann in seinem "Carneval" gemalt hat.

Diese Gegenüberstellung von Verwandtem und Ähnlichem erlaubt uns, das Vergängliche, aus dem Geist einer bestimmten Epoche heraus Geborene und zusammen mit dieser Epoche zugrunde Gegangene von den Werken, die unsterblich geworden sind, zu unterscheiden. Eine der herrlichsten Stellen aus Chopins f-moll Konzert ist der Mittelteil, das Larghetto. Dieses außergewöhnliche Stück Musik geht nicht auf einen Chopinschen Originalgedanken zurück; es stammt vielmehr aus dem g-moll Konzert von Moscheles, der es vielleicht seinerseits irgendwo entliehen hat.

Während der zahlreichen Ausflüge in die Umgebung Warschaus hatte Chopin oft die Gelegenheit, sich die Musik der Dorfkapellen anzuhören. Aber er hörte sie nicht nur an: Mit dem ihm eigenen Sinn griff er die Szenen aus dem Dorfleben auf und verarbeitete sie. Chopins Mazurkas sind - wie es der bekannte Musikologe Zdzislaw Jachimecki treffend bezeichnete - "in ihrer Originalität eine einzigartige musikalische Epopöe des polnischen Volkes".

Quellangaben:

  1. Tadeuz A. Zielinski: "CHOPIN - Sein Leben, sein Werk, seine Zeit"
  2. Grzegorz Michalski: "Geschichte der polnischen Musik"
  3. Jaroslaw Iwaskiewicz: Reclam Biographien: Frédéric Chopin

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